Volkswirtschaftliche Überlegungen, 1.Quartal 2017

März 2017 | Detailinformation | Autor: Dipl. Vw. Wolfgang Quantschnigg

US-Steuerreform? Chinas Automotive Politik.

Seit der Finanzkrise ist das Wirtschaftswachstum, insbesondere in den Industriestaaten immer wieder hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Die USA haben sich hierbei besser als Europa geschlagen, dessen Süden noch immer um den Anschluss kämpft.

Dieses Umfeld eines unterdurchschnittlichen Wachstums und keiner Inflation hat zu dessen Überwindung bzw. Rettung diverser Staatsbudgets zu einer ultralockeren Geldpolitik geführt. Den Sparern hat es bereits hunderte Milliarden an Zinsen Verlust gekostet. Die Rückführung zu einer normalen Geldpolitik wird zu einem Experiment, das jetzt in den USA in Angriff genommen wird. Die Zinserhöhungen werden hierbei voraussichtlich weltweit Auswirkung haben.



Das globale Wirtschaftswachstum beschleunigt sich! Das beste Indiz sind die Frühindikatoren der Industrie. Sie befinden sich weltweit auf Erholungskurs und deuten auf eine kräftige Dynamik hin. Der globale, nach Wirtschaftskraft der Länder gewichtete Einkaufsmanagerindex ist im Februar auf 52,9 Punkte gestiegen (USA 57,7; China 51,6; Eurozone 55,4). So hoch war das Barometer seit drei Jahren nicht mehr.

Die Welt wird hierbei von zwei Polen geprägt den USA und China. In beiden Ländern sollen spezielle Programme den Staat und dessen Wirtschaft vorwärts treiben. Für Europa sind dagegen 2017 einerseits zahlreiche potentielle Wahl- Minenfelder zu überwinden, anderseits fehlen die wachstumsorientierten Infrastrukturinvestitionen auch der Länder, die im Haushalt große Möglichkeiten hätten, wie zB. Deutschland.

Darum ein Blick auf gezielte Maßnahmen der USA und dem Antagonisten China, die die eigene Wirtschaft extrem zu puschen um damit die Weltwirtschaft in ihrem Sinn zu beeinflussen!


USA


In den USA steht 2017 eine umfangreiche Steuerreform (größte seit 30 Jahren) ganz oben auf der Tagesordnung.


UNTERNEHMENSBESTEUERUNG REFORM.

Der aktuelle Steuersatz von 35% ist der höchste unter allen Industrieländern. Die Republikaner im Repräsentantenhaus und die Trump Regierung planen, diesen Steuersatz zu halbieren, wodurch man eine Verlagerung des Kapitals aus den Bereichen Immobilien, nicht eingetragenen Unternehmen und ausländische Beteiligungen in Richtung Unternehmensinvestitionen erreichen könnte.
D.h. der daraus resultierende Anstieg der Investitionen soll das Wachstum ankurbeln und den Einnahmeverlust verringern.


TERRITORIALES STEUERSYSTEM FÜR AUSLÄNDISCHE US TOCHTERGESELLSCHAFTEN.

Die rückgeführten Gewinne unterliegen, nach Berücksichtigung der im Ausland errichteten Steuer, den vollen heimischen Steuersatz. Wenig überraschend entscheiden sich US Unternehmen, ihre Gewinne im Ausland zu horten. Der Vorschlag sieht vor, dass sämtliche im Ausland erwirtschafteten künftigen Gewinne ohne zusätzliche Steuern rückgeführt werden können. Die bereits angehäuften Gewinne von ca. 2,1 Billionen USD ! sollen einer einmaligen Steuer von ca. 10% unterliegen, die über mehrere Jahre geteilt werden könnten.
D.h. damit sollen ebenfalls Infrastruktur-Investitionen ermöglicht und damit Produktivität und Wachstum der US-Volkswirtschaft angekurbelt werden.


STEUERLICHER GRENZAUSGLEICH.

Die USA hat noch keine Mehrwertsteuer! Der steuerliche Grenzausgleich würde den USA den internationalen Vorteil einer Mehrwertsteuer bieten, ohne dass diese Steuer auf nationale Transaktionen erhoben werden müsste. Konkret heißt das: Einfuhren werden mit einem zB. 20% Steuersatz belastet, bei Exporten hingegen entfällt die Besteuerungspflicht.
D.h. der steuerliche Grenzausgleich soll den wesentlichen Teil des Steuerverlustes der durch die Senkung der Körperschaftssteurer entsteht ausgleichen. Eine angenommene Verteuerung des Dollar, durch diese Maßnahmen, soll Importe weiteres verbilligen.


CASHFLOW UNTERNEHMENSSTEUER.

Dies bedeutet zweierlei: Sie erlaubt Unternehmen, sämtliche Investitionen in Anlagen und Ausrüstung sofort geltend zu machen, statt die Kosten über Jahre verteilt abzuschreiben, und sie bedeutet die Beseitigung der Abzugsfähigkeit der Zinskosten für aufgenommene Schulden.
D.h. damit würde man Fremd und Eigenkapital auf eine gleichwertige Basis stellen.


ZUSAMMENGEFASST:

Die angedachte Gesetzgebung bringt die erste große Reform des amerikanischen Steuersystems seit drei Jahrzehnten mit sich. Mit ihrer Umsetzung wird ein günstigeres und stärker wettbewerbsorientiertes steuerliches Rahmenwerk für amerikanische Unternehmen geschaffen. Entsprechende Auswirkungen im Welthandelssystem sind angestrebt und zu erwarten (Amerika first).


CHINA


China ist mit ca. 20 Millionen Fahrzeugen pro Jahr, der größte Markt der Welt. Der Markt der auch noch wachsen wird.


Jeder Chinese will ein Fahrzeug haben, aber die neu entstandene Mittelklasse in den Megastädten, eigentlich die Gewinner im Wachstumsprozess, ist sehr kritisch und besorgt. Die anhaltende ökologische Krise ist allgegenwärtig und erfordert scharfe Korrekturen.

Die Kommunistische Partei hat hierzu mehrere große Lösungsinitiativen an den Tag gelegt. Für die Autoindustrie ist eine umfassende Elektrifizierung des Autoverkehrs (engl. New Energy Vehicles, kurz NEVs) geplant. Wie dies umgesetzt wird ist ein Schulbeispiel dafür, wie China seine Industrien strategisch aufbaut und zur Weltmarkt-Führerschaft bringen will und auch bringt, und soll deshalb ausführlicher beschrieben werden:

Ökologische und industriepolitische Ziele werden hierbei untrennbar vermengt. Oberstes Ziel ist explizit, die Weltmarktführerschaft bei NEVs zu erlangen um daraus die Weltmarkt-Dominanz der Industrie allgemein zu entwickeln. Freihandel, WTO, etc. sind hierbei kein bremsendes Argument. Um den Mechanismus zu verstehen, sei dies folgend beschrieben:


ERSTENS – BESTEUERUNG:

Nehmen wir an, in- und ausländische Produktionskosten für ein Fahrzeug seien identisch. Für das inländische Fahrzeug 100, für das ausländische ebenso 100. Nach Importsteuern von 25 Prozent kostet das ausländische Fahrzeug aber 125.
Nun wird die Mehrwertsteuer von 17 Prozent darauf geschlagen. Mittel- und Oberklasse-Fahrzeuge werden zusätzlich mit einer sehr hohen Konsumsteuer belastet.
D.h., summa summarum, für ein Oberklasse-Fahrzeug (Typus Mercedes S-Klasse, BMW X6) muss der Käufer rund das 2.5-fache des Preises in den USA bezahlen!


ZWEITENS – ANSCHUBFINANZIERUNG:

Autoverkäufe an private Endkäufer werden mit rund 9.000 US-Dollar für Elektrofahrzeuge und 7.000 US-Dollar für Plug-in Hybride subventioniert, wobei die Beträge direkt den Herstellern überwiesen werden – mit der Erwartung, dass diese an Kunden weitergegeben werden. Der Verkauf von elektrischen Bussen für städtische Verkehrsmittel wird mit noch wesentlich höheren Subventionen von rund 80.000 Dollars pro Stück subventioniert. Diese Verkaufshilfen gelten aber nur für in China produzierte NEVs!

Damit wurde und wird die chinesische NEV Fahrzeugindustrie mit riesigen Subventionen und Marktabschottung lanciert. So etablierte sich BYD Auto („Build Your Dream“) bereits als weltweit größter Hersteller von Elektrofahrzeugen und Plug-in Hybriden. Auch andere chinesische Hersteller erreichen oder übertreffen die Produktionszahlen ausländischer Hersteller wie z.B. Tesla. Die Elektrizitäts-Versorger werden zum Tankstellenbau angewiesen und subventioniert.
D.h. importierte Plug-in Hybride haben einen Preisnachteil, der ohne weiteres 50 Prozent und mehr erreichen kann. So ist der chinesische Markt für Elektrofahrzeuge und für Plug-in Hybride heute schon der größte der Welt. Die Regierung hat dies nicht nur im Auto-, sondern auch in anderen Bereichen wieder und wieder vorexerziert.


DRITTENS – QUOTEN FÜR DIE ANZAHL DER ZU VERKAUFENDEN FAHRZEUGE:

In China tätige Autohersteller müssen ab 2018 acht Prozent aller produzierten Autos als NEVs verkaufen, ab 2019 zehn Prozent und ab 2020 zwölf Prozent. Bei ausländischen Herstellern werden importierte NEVs nicht angerechnet, sondern nur die in China produzierten. Vollhybrid-Modelle, die nicht an der Steckdose aufgeladen werden können wie Toyota Prius oder Mildhybride werden nicht angerechnet.
D.h. diese Regulierung zwingt die ausländischen Hersteller, möglichst rasch elektrische und Plug-in Fahrzeuge in China herzustellen. Sonst sind die Verkäufe ihrer konventionellen Modelle bedroht.


VIERTENS – LIZENZEN:

Bei konventionellen Fahrzeugen kann ein potentieller Käufer schon daran scheitern, dass er gar keine Lizenz in Großstädten mit Verkehrsüberlastung erhält. Beim Kauf von NEVs ist die Lizenz garantiert, und die Kosten für die Fahrzeug-Lizenz entfallen.
D.h. Der Lizenz Wegfall subventioniert den Verkauf von NEVs mit zusätzlich fast 1.000 Dollar.


FÜNFTENS – PRODUKTION NUR MIT CHINESISCHEN 50% PARTNER:

In Chinas Autoindustrie muss die Autoproduktion jedes ausländischen Anbieters in einem Joint-Ventures mit staatlichen Herstellern produziert werden, dies gilt natürlich auch für NEVs. Damit ist der Technologie-Transfer garantiert. Die Herstellung von NEVs soll gemäß Planung von rund 500.000 Fahrzeugen im Jahr 2016 auf 5 Millionen 2020 heraufgefahren werden.
D.h. damit wird China einsam an der Spitze die Welt bei NEVs beherrschen.


SECHSTENS – ZEITLICHES LIMIT:

Das Problem für die großen ausländischen Hersteller ist, die Produktion so schnell hochfahren zu müssen. Volkswagen zum Beispiel hat 2016 erst eine Lizenz - mit einem neuen Partner - für die Produktion von NEVs erhalten. Es muss die Fabrik aber noch gebaut und die Fertigung bis 2018 drastisch nach oben gefahren werden.

Gleiches gilt für andere große Hersteller wie Toyota oder GM. Sie müssen sich auf die Produktion von Fertigungsanlagen für Elektrofahrzeugen geradezu stürzen. Zusätzlich ist die Verfügbarkeit von Batterien eine riesen Herausforderung.
D.h. der Druck ist so hoch, dass alles andere hinten angestellt wird!


SIEBENTENS – 10 WEITERE LIZENZEN:

Die Kriterien nach welchen die Lizenzen vergeben werden, soll an einem Beispiel gezeigt werden: Der chinesische Start-up NEVS (nicht: NEVs) hat eine der 10-Lizenzen erhalten. NEVS hat eine Kernkompetenz in der Batterietechnik und hat den bankrotten schwedischen Autohersteller SAAB 2012 für wenig Geld übernehmen können. NEVS wird nun hoch subventioniert, baut in Tianjjn bis 2017 ein neues Werk für 200.000 Elektrofahrzeuge und will 2018 mit der Produktion auf der Basis des alten Saab 9-3 beginnen.
D.h. die Vergabe von solchen Extra-Lizenzen soll einerseits den Wettbewerb für die etablierten Hersteller konventioneller Fahrzeuge erhöhen, anderseits den Aufbau von Start-ups, die mit hohen Beträgen subventioniert werden.


ACHTENS – WEITERE STEUERERHÖHUNGEN AUF IMPORTIERTE LUXUSLIMOUSINEN:

China hat ab dem 01.12.2016 eine weitere Steuererhöhung auf den Verkauf von Luxusfahrzeugen verfügt. Eine Lenkungsabgabe! Die Abgabe wird aber ausschließlich auf Importfahrzeuge erhoben. Zusatzabgabe wird auch für den Tesla S und X erhoben, welche reine Elektrofahrzeuge sind und somit lokal keine Emissionen verursachen. Auch die Mercedes S-Klasse Plug-in-Hybrid, die gemäß unabhängigen Tests niedrige reale Verbräuche ermöglicht, ist dieser Zusatzabgabe unterworfen.
D.h. mit dieser Maßnahme sollen teure ausländische Modelle, vor allem reine Elektrofahrzeuge wie Tesla oder Plug-ins mit niedrigem Verbrauch, nochmals massiv verteuert werden.


NEUNTENS – ES WIRD EIN CHINESISCH DOMINIERTES „INTERNET DES AUTOS" AUFGEBAUT:

China baut eine sehr ambitiöse digitale Architektur auf, welche auch für die Autohersteller nutzbar sein wird – vor allem für die einheimischen. Ausländische Institute und Hersteller argwöhnen, dass diese Vernetzung und Digitalisierung dazu benutzt werden, einheimischen Herstellern einen zusätzlichen Vorteil zu verschaffen.
D.h. es wird zusätzlicher Anreiz geschaffen, alle Fahrzeuge in China herzustellen.


ZEHNTENS – INTELLECTUAL PROPERTY (IP):

Die großen Massenhersteller müssen ihre bisher nicht in die JVs eingebrachte Technologie herausrücken. Toyota etwa ist bisher der Pionier und weltweit erfolgreichste Produzent von Hybrid-Fahrzeugen. Das japanische Unternehmen hat weltweit schon über 9 Millionen Hybrid-Fahrzeuge verkauft. Doch in China hat Toyota bisher praktisch keine Prius oder anderen Hybrid-Fahrzeuge produziert – wohl wegen Bedenken seiner Intellectual Property (IP).
D.h. Toyota hat angekündigt in Zukunft im großen Maßstab Plug-in Hybrid-Fahrzeuge in China zu produzieren. Der Technologie Transfer in das chinesische Joint Venture Unternehmen läuft.


ELFTENS – BATTERIE:

Elektromotor und Batterie ersetzen Motor, Getriebe und Antriebsstrang. Chinesische Hersteller haben bei der Batterie-Entwicklung zwei Vorteile: Sie haben die Batterie-Technologie von der Smartphone- und generellen ICT-Technik bereits im Griff und haben dort Kernkompetenzen aufgebaut. BYD beispielsweise ist Batterie-Lieferant für die chinesische ICT-Industrie. China verfügt weiters monopolartig über seltene Erden, welche für einzelne Batterietypen von Elektrofahrzeugen unentbehrlich sind.
D.h. China will den Up Stream vom Rohstoff seltener Erden über Batterie, Technologie und Fertigung kontrollieren und beherrschen. Gekrönt durch die ICT – Technik des fahrerlosen Autos.


ZUSAMMENGEFASST:

Bisher waren die Europäische Union und die USA Technologieführer. Die großen ausländischen Autohersteller müssen jetzt in substantiellem Ausmaß und innerhalb sehr kurzer Frist Elektro-Fahrzeuge und Plug-in Hybride produzieren, wenn sie im größten Markt der Welt noch konventionelle Autos verkaufen wollen.
Was auch immer Wissensstand und Absicht der chinesischen Behörden sind, welche all diese Regulationen erlassen haben, sie zeigen eines in aller Deutlichkeit auf:
China ist im Automarkt zum globalen Standard-Setzer geworden!
Elektrofahrzeuge werden vom Design her völlig anders gebaut als konventionelle Fahrzeuge mit Benzin- oder Dieselmotoren. Und der Elektromotor macht viele bisherige Kernkompetenzen konventioneller Autohersteller obsolet: Motorenbau, Turbos, Einspritzsystemen, Getrieben, Antriebsstrang und anderes mehr.
Die europäischen Hersteller müssen parallel Diesel-, Benzin- und Elektrofahrzeuge sowie alle möglichen Hybrid-Formen entwickeln. Die Kosten sind enorm. In der europäischen und vermutlich sogar in der globalen Autoindustrie dürfte es deshalb zu einer Fusions- und Konzentrationswelle kommen. Denn nur Hersteller mit sehr großen Stückzahlen können sich auf verschiedene Antriebstechnologien verzettelte Forschungs- und Entwicklungsausgaben leisten.


Der Kotau ist wieder eingeführt!

Wie viele 100.000 sind in einer überschaubaren Zukunft noch in der diesbezüglichen deutschen Metallindustrie beschäftigt?


DIE AUSWIRKUNGEN SIND BEREITS ZU SEHEN:

Der aktuelle Ausstieg von GM bei Opel ist so verständlich. GM kann sich in Zukunft auf Benzin- und Elektrofahrzeuge konzentrieren und den Dieselmotor aufgeben, welcher in Europa von der Regulation (Priorität der CO2-Ziele) her noch längere Zeit möglich und notwendig ist.

Die US steuerlichen und Infrastrukturmaßnahmen sind erst im Werden, werden aber sicher ähnlich große Veränderungen mit sich bringen.


Mit freundlichen Grüßen,

Ihr Wolfgang Quantschnigg




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